Film des Monats: November 2021

Große Freiheit
Regie: Sebastian Meise
Drehbuch: Thomas Reider, Sebastian Meise
Österreich, Deutschland 2021

Knatterndes Projektorengeräusch, wackelige, unscharfe Bilder einer Männertoilette - Beweismaterial in der Gerichtsverhandlung gegen Hans Hoffmann. „Widernatürliche Unzucht nach Paragraf 175“. Das Urteil: 24 Monate Haft – es ist das Jahr 1968. Im Gefängnis geht die routinierte Maschinerie ihren Gang. Schnell wird klar, Hans kennt sich aus, trifft auf den ehemaligen Zellenkumpan Viktor. Unauffällig schaut Hans sich um, sein Blick fällt auf einen jungen Mithäftling. Leo sitzt aus den gleichen Gründen wie er. Hans schreitet ein, als Leo beim Hofgang von Mithäftlingen herumgeschubst wird. Das befördert ihn sofort in dunkle Isolationshaft. Viktor spielt ihm heimlich eine Zigarette zu. Hans zündet sie langsam an und erinnert sich: Rückblende 1945.

Damals ging es Hans ähnlich – Ablehnung und Einsamkeit, als er ins Gefängnis kam. Auch der homophobe Viktor lehnt den Neuen vehement ab. Und doch entsteht zwischen den beiden eine anfangs fragile Bindung, die damit beginnt, als Viktor die eintätowierte Nummer auf Hans‘ Unterarm entdeckt. Viktor bietet an, die Nummer mit einem Tatoo zu verdecken. Hans muss „nur“ noch vier Monate absitzen, da er bereits von den Nazis wegen seiner Homosexualität verfolgt wurde und den Hauptteil der Strafe bereits im Konzentrationslager verbüßt hat. Hans kommt und geht, Viktor bleibt als Konstante im Gefängnis.

Regisseur Sebastian Meise erzählt in Zeitsprüngen eine eindringliche Geschichte über Männerliebe und Freundschaft, über Lebensmut und Menschlichkeit in einer Umgebung, die darauf angelegt ist, genau dies zu unterbinden. „Große Freiheit“ ist kein Gefängnisfilm im herkömmlichen Sinn, der Gewalt von Insassen in den Vordergrund stellt. Er fokussiert sich auf die Menschen, die kleinen und großen Gesten im Angesicht von staatlicher Gewalt, zeigt Momente von Glück und großer Nähe in der rauen Wirklichkeit. Darüber hinaus thematisiert der Film die Kriminalisierung von Homosexuellen, die erst unter den Nazis verfolgt und 1945 vom Konzentrationslager nahtlos ins Gefängnis gesteckt wurden.

Film-Credits
Österreich, Deutschland 2021
Produzent:
Oliver Neumann, Sabine Moser, Benny Drechsel
Regie:
Sebastian Meise
Drehbuch:
Thomas Reider, Sebastian Meise
Kamera:
Crystel Fournier
Schnitt:
Joana Scrinzi
Musik:
Peter Brötzmann, Nils Petter Molvær
Darsteller:
Franz Rogowski: Hans Hoffmann Georg Friedrich: Viktor Thomas Prenn: Oskar Anton von Lucke: Leo Ulrich Faßnacht: Sanitärraum-Wärter Alfred Hartung: Wärter Klaus Huhle: Richter Andreas Patton: Staatsanwalt Joachim Schoenfeld: Wächter Thomas Stecher: Stockwärter Fabian Stumm: Zivilpolizist Daniel Wagner: Strafverteidiger Johannes Cramer: Amerikanischer Soldat
Verleih:
Piffl Medien GmbH
Boxhagener Str. 18, Berlin Tel.:+49 030 293616-0, Fax: +49 030 293616-22, office@pifflmedien.de, http://www.pifflmedien.de
Kinostart:
18.11.2021