Film des Monats: Oktober 2006
Im Zug nach Berlin begegnet Gianni seinem körperlich und geistig behinderten 15-jährigem Sohn Paolo zum ersten Mal. Das Kind wuchs bei Verwandten seiner Mutter auf, die bei seiner Geburt mit 19 Jahren gestorben ist. Auf Empfehlung eines Arztes soll der bisher als Vater nicht existente Gianni ihn in eine Spezialklinik begleiten. Die Unmittelbarkeit der Gefühle Paolos überraschen ihn ebenso wie die Wahrnehmung seiner physischen und psychischen Belastungen. Hilfreich wird für ihn die Begegnung mit Nicole, einer älteren Frau, die sich voller Hingabe um die Pflege ihrer schwerbehinderten Tochter kümmert, aber auch ihre Verzweiflung nicht verschweigt. Langsam verändert sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn: die Schuldgefühle werden geringer, die Akzeptanz füreinander wächst, langsam schwindet die Fremdheit. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zu einer Brieffreundin von Paolo nach Norwegen. Der neue Aufbruch bleibt nicht ohne Rückschläge: intensive Nähe weicht plötzlich wieder einer schwer zu überbrückenden Distanz.
Nicht die Behinderung Paolos steht im Zentrum des Films, sondern die Beziehung zwischen einem Vater und seinem andersartigen Sohn, die sich zunächst überhaupt entwickeln muss. Der Schock über die Geburt eines behinderten Kindes wird in diesem Fall durch den Tod der Mutter noch erschwert. Der Vater ergreift die Flucht, will nicht Vater dieses Kindes sein. Erst Jahre später beginnt ein mühsamer Prozess der Annäherung, in dem Gianni die Eigenwilligkeit des behinderten Kindes trotz aller Hilfsbedürftigkeit anzuerkennen lernt. Paolo wird zum Lehrer des Vaters: ironisch, zurechtweisend und provozierend direkt. Der behinderte Andrea Rossi spielt Paolo mit einer Überzeugungskraft, die ihn zur faszinierenden Hauptperson des Films macht. Zwiespalt, Ängste, Konflikte und Hilflosigkeit, die seine Behinderung auslöst, zeigt der Film als unvermeidbare und zutiefst menschliche. Herausforderung an die Fähigkeit, sich dem Fremden und Anderem zuzuwenden.
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