Film des Monats: Februar 1998

The Butcher Boy (Der Schlächterbursche)
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Neil Jordan, Patrick McCabe nach dem Roman von Patrick McCabe
Irland 1997
Ein Provinznest in der Republik Irland der frühen sechziger Jahre. Die Verlustliste, die der halbwüchsige Francie an ein Fenster seines heruntergekommenen Elternhauses schreibt, ist lang: Seine Mutter hat sich das Leben genommen, sein Vater hat sich zu Tode gesoffen, der bewunderte Onkel ist nach London gezogen. Und nun kehrt ihm auch sein Freund Joe, mit dem er sich durch Blutsbrüderschaft auf ewig verbunden glaubte, den Rücken und wendet sich ausgerechnet Phillip zu, dem Sohn von Mrs. Nugent, die Francies Familie als Schweine beschimpft hatte. Francies Gewaltausbrüche, die ihn zwischenzeitlich ins Erziehungsheim und die Psychiatrie bringen, konzentrieren sich auf Mrs. Nugent, die er schließlich wie in einem verzweifelten Befreiungsschlag bestialisch umbringt. Regisseur Neil Jordan läßt seinen Helden Francie die Geschichte seines gescheiterten Lebens selbst erzählen. In Francies Welt vermischen sich Comic- und Western-Abenteuer, Marienerscheinungen, Bilder von John F. Kennedy, Kommunistenangst und Horrorszenarien von der Atom-Katastrophe zu pubertären Machtphantasien, so daß die Grenze zwischen Realität und Wahn nicht mehr auszumachen ist. Der Film setzt all das ins Bild, dramaturgisch unterstützt durch gezielt eingesetzte Musik, und zieht damit den Zuschauer mit hinein in den Wahrnehmungshorizont seiner Hauptfigur. Der anarchistische Grundzug im Verhalten des Jungen, der alle Konventionen der Erwachsenen unterläuft und für sich zu nutzen weiß, prägt somit auch die Konstruktion des Films selbst, der wie eine Metapher des gesellschaftlichen und individuellen Wahnsinns erscheint.

 

Neil Jordans Film schlägt eine Fülle von Themen an, die sich im Kern immer auf die Frage nach Identität und personaler Würde zurückführen lassen. "Wer bin ich? - Ein Schwein? Eine Nummer?" schreit Francie einmal. "THE BUTCHER BOY" macht die Verlusterfahrungen und die Ausweglosigkeit eines Menschen nachvollziehbar, der voller Energien und Möglichkeiten steckt, dem die Anerkennung gleichwohl verweigert wird.

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Film-Credits
Irland 1997
Produzent:
Warner Bros/ Geffen Pictures
Regie:
Neil Jordan
Drehbuch:
Neil Jordan, Patrick McCabe nach dem Roman von Patrick McCabe
Kamera:
Adrian Biddle
Schnitt:
Musik:
Elliot Goldenthal
Darsteller:
Stephen Rea, Fiona Shaw, Eamonn Owens, Alan Boyle, Aisling O`Sullivan
Format:
35mm, Farbe, 106 Min.
Verleih:
Warner Bros. Pictures Germany
Humboldtstr. 62, Hamburg Tel.:+49 040 22650-0, Fax: +49 040 22650-259,
Preise:
Silberner Bär (Regie) Berlin 1998
FSK:
ab 12